Friedrich Hölderlin gründete seine Poetik vom "Wechsel der Töne" auf musikalischen Gesetzen und entnahm der Musik seine Metaphern, von der Hymne an die Göttin der Harmonie zur "Auflösung der Dissonanzen" Hyperions, von den "reinen Melodien" und dem "Saitenspiel" zum "blinden Sänger", von den "Nachtgesängen" zu den "vaterländischen Gesängen". Die außerordentliche Faszination, die sein Werk im 20. Jahrhundert auf Komponisten unterschiedlicher geographischer Herkunft und ästhetischer Orientierung ausübte, führte zu einer Flut von Vertonungen seiner Gedichte, zu Dramatisierungen seiner Texte, zu Instrumentalwerken und vielen anderen Formen der musikalischen Kreativität.
Unter dieser Voraussetzung versucht der vorliegende Band - Ergebnis eines mehrjährigen Austauschs unter Germanisten, Musikwissenschaftlern und Philosophen - einerseits die musikalischen Grundlagen von Hölderlins Werk, andererseits den fruchtbaren Dialog der Komponisten mit dem Dichter näher zu bestimmen und dadurch Formen des interdisziplinären Dialogs zu praktizieren.
Das Werk Friedrich Hölderlins beruht auf musikalischen Gesetzen; seine Poetik nennt er einen "Wechsel der Töne", seine Gedichte "Gesänge"; Hyperion strebt nach der "Auflösung der Dissonanzen". Seine Dichtung wurde im 20. Jahrhundert für Komponisten zu einem zentralen Bezugspunkt und stellte für sie eine Zäsur und das Symbol eines überindividuellen Tendenzwechsels dar. Vernachlässigt wurden bis heute die poetologischen Gründe, die zu einer solchen Flut von Vertonungen führten; selten hat man sich gefragt, warum Hölderlins Dichtung solche Anziehungskraft auf Komponisten ausübt(e).
Unter diesen Voraussetzungen werden im Band die musikalischen Elemente in Hölderlins Dichtung und die musikalische ,Übersetzung' seiner Dichtung bei den Komponisten untersucht. Der Band ist das Ergebnis der Tagung "Wechsel der Töne", die 2017 an der Fondazione Giorgio Cini in Venedig stattfand und eine enge Zusammenarbeit von Germanistik und Musikwissenschaft abbildet.